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Pferde haben nur vor zwei Dingen Angst

Pferde haben nur vor zwei Dingen Angst
Es ist wirklich so simpel! Als Fluchttier gehört die Angst eben auch zum Überleben. Allerdings ist dies mittlerweile in unserer domestizierten Welt nicht mehr so wichtig wie im Wildleben, dennoch ist sie oft instinktiv.
Wie gehen wir damit um? Es gibt unterschiedlichste Herangehensweisen. Das Imprint-Training, bei dem das Fohlen bereits in den ersten Stunden nach der Geburt überall berührt wird, um ihm klarzumachen, dass es keine Angst haben muss. Aus meiner Sicht eine sehr übergriffige Art und Weise, in das Kennenlernen des Mama-Baby-Prozesses einzugreifen. Ich denke, die ersten Stunden sollten den beiden gehören, und niemand sollte da eingreifen. Wer sich in den ersten paar Tagen Zeit nimmt und viel mit den beiden beisammen ist, wird feststellen, dass das Fohlen allein durch seine Neugier mit uns Menschen Kontakt aufnimmt und sich langsam Stück für Stück auch berühren lässt.
Dann gibt es das Aussacken, das früher tatsächlich mit einem alten Stoffsack ausgeübt wurde, der wild um das Pferd und am Pferd herum geschleudert wurde, bis es den „Kampf“ oder sich selbst aufgab und sich sozusagen ergab. Aussacken wird mittlerweile aber auch sehr human beigebracht, unter Berücksichtigung der Toleranzgrenze des Pferdes. Quasi ein schonendes Vorbereiten auf viele Dinge wie Decke, Plane, Sattel etc. (In meinen Büchern „Im Sinne des Pferdes – Bodenarbeit“ und „Der Weg zur Verbundenheit“ habe ich jeweils ein Kapitel diesem humanen Aussacken gewidmet.) Im Prinzip ist das humane Aussacken eine freundliche Art und Weise, das Pferd mit sehr vielen Gegenständen vertraut zu machen – immer mit dem Ziel, ihm zu zeigen, dass es keinen Grund zur Sorge oder Angst gibt. Das Timing, wann ich Dinge wie lange präsentiere und wann ich wieder weggehe, entscheidet sehr stark über den Lernprozess. Auch hier ist es extrem wichtig, im richtigen Moment aufzuhören. Nicht, wenn das Pferd stillsteht, sondern wenn es sich mit dem Objekt entspannen kann. Ein Stillstehen könnte ja auch ein „Festeisen“ sein, weil es weiß, dass es die Sachen über sich ergehen lassen muss. Eine solche Herangehensweise würde zum Ziel eines entspannten, wachen Pferdes führen!
Wahrscheinlich könnte ich die Liste an Problemlösungen für Angst beim Pferd noch weiterführen, aber ich denke, mit den genannten habe ich die wesentlichen abgedeckt.
Wenn wir verstehen, dass Angst ein Überlebenstool im Leben eines Pferdes war und in gewisser Weise immer noch ist, da sie sich instinktiv auch heute noch im Pferd verankert, dann geht es in erster Linie darum, dem Pferd zu zeigen, dass es nicht notwendig ist, diese Angst zu haben. Und dass in vielen Situationen das Leben eben nicht von einer Flucht abhängig ist.
Pferde und ihre Persönlichkeiten – Angst hat viele Gesichter Nicht jedes Pferd hat die gleiche Beziehung zur Angst. Ein unsicheres Pferd sieht überall lauernde Monster und kann sich nicht entspannen. Solche Pferde haben oft auch Schwierigkeiten, in der Herde ihren Platz zu finden, was zusätzlichen Stress verursacht. Das bedeutet weniger Futter, Magenschmerzen, noch mehr Nervosität – ein Teufelskreis. Hier ist Selbstbewusstseinsaufbau angesagt! Sicherheit, klare Kommunikation und Geduld helfen dem Pferd, entspannter durchs Leben zu gehen. Das ist auch ein Stück Lebensqualität, die wir dem Pferd hiermit schenken können.
Schrecksituationen haben aber auch Pferde, die vermeintlich „nichts aus der Ruhe bringen kann“. Sie sind nicht präsent und beamen sich häufig weg. Aber Achtung: Ruhig ist nicht immer entspannt, ruhig kann auch phlegmatisch bedeuten. Ein Pferd, das phlegmatisch ist, kann aus unerklärlichen Gründen plötzlich „aufwachen“ und sich in einer fremden Umgebung wiederfinden. Es erschrickt dann vor etwas, das schon lange dastand, aber vom Pferd eben nie wahrgenommen wurde, weil es im Dämmerzustand war. In diesem Fall macht es Sinn, darauf zu achten, dass das Pferd nicht in den Schlafmodus wechselt. Wir können unseren kompletten Umgang mit ihm interessanter gestalten, es wachhalten, indem wir nicht nur den Körper, sondern den Geist anregen, präsent zu sein. Das Pferd zum Mitdenken animieren.
Um einem Pferd also aus der Angst zu helfen, sollten wir schon beginnen, lange bevor Angst sich sichtbar macht und zum Problem wird.
• Eine optimale Alltagssituation schaffen (ausreichend Futter und sichere Schlafplätze).
• Die Aufmerksamkeit gezielt schulen.
• Geistig fordernde Aufgaben anbieten.
• Die natürliche Neugier des Pferdes fördern.
Und schon sind wir wieder beim Thema: Je interessanter ich mein Training mit meinem Pferd gestalte, umso wacher und aufmerksamer ist es.
Ein Pferd mit Objekten vertraut zu machen, vor denen es Angst hat, ist nur dann sinnvoll, wenn es gelingt, dass es sich dann besser fühlt. Sehr häufig beobachte ich, wie ein Pferd an einen Holzstapel mit Plane herangeführt wird, kurz daran schnuppern (muss) und dann weitergeführt wird. Das Pferd ist sichtlich erleichtert, sich wieder entfernen zu dürfen, und zeigt dies, indem es recht schnell wegläuft, wenn es seine „Pflicht“ erfüllt hat. Effektiver ist es jedoch, wenn man auf dem Weg zum Objekt bereits dafür sorgt, dass jeder Schritt dorthin entspannt vonstattengeht. Es geht erstmal gar nicht darum, wie nah wir kommen, sondern dass wir bei jedem Schritt dorthin entspannt sein können. Wie sich ein Pferd am Holzstapel fühlt, entscheidet darüber, wie es diesem beim nächsten Mal begegnet – nicht, wie oft es schon daran vorbeigelaufen ist. War das Vorbeilaufen immer mit Sorge und Angst verbunden, wird es dies das nächste Mal auch erinnern. Das Ziel ist also nicht: Hauptsache, es steht im Anhänger, sondern dass es entspannt sein kann auf jedem Schritt in den Anhänger! Kann es auf jedem einzelnen Schritt in den Anhänger hinein entspannen und auf jedem einzelnen Schritt aus dem Anhänger heraus entspannen, so wird es sich auch im Anhänger entspannen können.
An dieser Stelle möchte ich vor einer sehr riskanten Situation warnen. Es ist mir selbst nicht passiert, aber ich habe Horrorgeschichten erzählt bekommen und bin mir der Gefahr sehr bewusst: Ein Pferd, das sich Objekte ansieht, versucht auch manchmal, hinein zu beißen. Davor möchte ich warnen! Beißt ein Pferd z. B. in eine große, lose Plane, so kann es sein, dass es erschrickt, wenn sich die Plane dann bewegt, weil das Pferd, ohne die Verbindung dafür herzustellen, daran zieht. Durch das Erschrecken macht der Kiefer des Pferdes zu, und das Pferd kann die Plane nicht mehr loslassen. Es rennt rückwärts im Versuch, der Plane zu entkommen, nimmt aber zwangsläufig die Plane mit – die weiter auf das Pferd zukommt. Panik ist also vorprogrammiert!
In manchen Situationen ist es aber nicht möglich, das Pferd ein suspektes Objekt durch Schnuppern kennenlernen zu lassen. Z. B. fahrende Ackermaschinen oder Jungrinderherden. Auch hier ist in erster Linie wichtig, wie sich das Pferd fühlt, wenn es daran vorbeiläuft. Wenn es die Situation hergibt, ist es mir lieber, in einem Abstand zu beginnen, in dem das Pferd noch recht entspannt ist, dies immer wieder auf und ab zu führen oder zu reiten. Je mehr Erfahrung das Pferd macht, dass es diese Sache überlebt hat, umso mehr Vertrauen findet es darin, dass es möglich ist, sich der Sache zu nähern.
Ach, und was sind denn nun die zwei Dinge, vor denen Pferde Angst haben?
1. Dinge, die sich bewegen, und
2. Dinge, die sich nicht bewegen. 😊
In diesem Sinne und immer im Sinne des Pferdes, Eure Simone Carlson

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