Trainer von einer anderen Welt
Neulich erhielt ich einen Anruf von einer Trainerin. Sie erzählte mir, dass sie ein Pferd erworben hat, das einst bei mir stand. Sie wollte wissen, was ich mit ihm gearbeitet hatte, weil sie mit
dem Wallach im Round Pen war – und dieser anscheinend „ganz und gar nichts wusste“. Er kam nicht herein, obwohl sie ihn einlud!
Na sowas!?
Ich stand auf dem sprichwörtlichen Schlauch. Was wollte sie von mir? Also fragte ich nach: „Was meinst du damit, dass er nichts weiß?“
„Na, er weiß nicht, dass er zu mir kommen soll, wenn ich ihn einlade. Er kennt gar nichts!“
Ich, nach wie vor auf besagtem Schlauch stehend, begriff die Welt nicht mehr. Wie fest kann man eigentlich auf einem Schlauch stehen, wenn einem solche einfachen Fragen gestellt werden?
Sie versuchte es erneut: „Na, du hast doch mit ihm gearbeitet. Ich wollte nur wissen, was du mit ihm gemacht hast, weil er einfach gar nichts kann im Round Pen.“
„Was genau soll er denn können?“
„Na, das Einladen vor allem.“
Aha. Und wie erklärt man nun, dass es sich dabei nicht um ein einstudiertes Programm handelt? Dass ein Pferd nicht auf Abruf programmiert wird wie eine App?
„Wenn er nicht zu dir kommt, dann liegt das vielleicht daran, dass du die Frage nicht richtig gestellt hast. Ein Pferd, das zu dir kommt, zeigt dir doch, dass es sich bei dir wohlfühlt. Deine
Verantwortung ist es, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass es eine gute Idee ist, zu dir zu kommen. Wenn du das schaffst, trifft es die Entscheidung selbst – es muss es nicht lernen.“
Das wollte ich zumindest sagen. Doch dazu kam ich nicht, weil die Dame mir energisch klarmachen wollte, dass sie sehr wohl versteht, worum es geht. Dennoch versuchte sie mir erneut zu erklären,
dass das besagte Pferd nichts kann. Kein Wegschicken, keine Tempowechsel, einfach nichts!
„Also nochmal: Wenn du mit dem Pferd im Round Pen arbeitest, führst du einen Dialog. Egal, was es tut, egal, wie es auf dich reagiert – das sind Antworten auf deine Präsentation. Es sind keine
einstudierten Übungen …“
Wieder kam die Unterbrechung: „Ja klar, das weiß ich ja alles! Ich wollte nur wissen, was du mit ihm gemacht hast, damit ich da ansetzen kann.“
„Nein, ich glaube, du verstehst nicht. Ein Dialog ist jeden Tag neu und anders. Wenn du mit deinem Pferd in den Dialog gehst, ist es irrelevant, was ich vor einem Jahr mit ihm in einem Kurs
gemacht habe! Es geht darum, was er dir heute zeigt und wie er auf dich reagiert!“
Obwohl sie mir immer wieder versicherte, dass sie meinen Ansatz kennt, zeigten ihre Fragen etwas anderes. Ihre Antworten klangen, als hätte sie meine Beiträge wortgetreu übernommen, doch die
Fragen machten deutlich, dass sie das eigentliche Konzept nicht verstanden hatte.
Spätestens jetzt muss ihr klar geworden sein, dass wir aus zwei unterschiedlichen Welten stammen und ich schlichtweg nicht begreife, worauf sie hinauswill. Das Thema wurde zügig gewechselt – um
das Gesicht nicht zu verlieren? Oder war ich einfach zu begriffsstutzig, um ein weiteres Gespräch darüber zu führen?
Manchmal denke ich, dass etwas mehr Demut in der Pferdearbeit nicht schaden würde. Und dass es hilfreicher wäre, echte Fragen zu stellen, anstatt zu demonstrieren, wie viel man bereits zu wissen
glaubt. Gerade das Einladen, so wie ich es praktiziere, ist eine Sache des Vertrauens.
Ich weiß, dass es auch andere Herangehensweisen gibt, die nicht auf Dialog ausgerichtet sind. Häufig wird Pferden schlicht eingedrillt, dass sie sich in einer Art konditionierter Ergebenheit
fügen: Genug Druck auf die Hinterhand, vorne ziehen, nochmal Druck, bis das Pferd kommt. Irgendwann versteht es, dass der Weg des geringsten Widerstands darin besteht, zum Menschen zu laufen.
Dort ist Pause, draußen ist Druck. Eine einfache Rechnung. Und was bleibt? Gehorsam statt Bereitschaft.
Doch was genau unterscheidet Gehorsam von Bereitschaft? Gehorsam bedeutet, dass das Pferd etwas tut, weil es glaubt, dass es andernfalls unangenehme Konsequenzen hat. Bereitschaft bedeutet, dass
das Pferd etwas tut, weil es davon überzeugt ist, dass es eine gute Idee ist.
Und genau hier sollten wir ansetzen!
Ich möchte, dass ich dem Pferd wichtig bin, weil ich ihm eine klare Führung bieten kann. Weil ich ihm ein gutes Gefühl vermitteln kann. Weil ich ihm Fragen stelle, auf die es gerne mit "Ja"
antwortet. Weil ich seine Antworten ernst nehme und darauf eingehe. Denn nur so kann ein echter Dialog entstehen. Und dieser führt mich weit weg von bloßem Eintrainieren und stupidem Abrufen von
Lektionen. Denn wenn ich die Wahl habe, wähle ich immer den Weg es echten Dialogs und freue mich auf die Bereitschaft des Pferdes. Von Gehorsamsübungen die mein Ego aufpuschen möchte ich nichts
wissen!
In diesem Sinne und immer im Sinne des Pferdes,
Simone Carlson
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