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Misshandlung am Pferd

Misshandlung am Pferd:
Sie beginnt früher, als du denkst!
Jeder kennt es: Ein schreckliches Bild eines gequälten Pferdes, überzäumt, mit blauer Zunge, Schaum vor dem Maul, die Augen weit aufgerissen. Ein Aufschrei geht durch die Menge – zumindest auf Facebook, weniger auf dem Turnierplatz. Finger werden erhoben, Urteile gefällt, die Empörung ist groß. Profi-Trainer beziehen Stellung – ob aus Überzeugung oder für die Klicks, sei dahingestellt.
Es gibt viele Totilas da draußen. Sie tragen andere Namen, haben unterschiedliche Farben, Herkunft oder Geschlecht – doch ihr Schicksal ist das gleiche: geboren, um Menschen zu Ruhm und Wohlstand zu verhelfen, oft auf Kosten ihrer eigenen Unversehrtheit. Bilder dieser Pferde gibt es zuhauf. Die meisten Menschen finden sie abschreckend und abscheulich – zumindest offiziell.
Doch Misshandlung geschieht nicht nur im großen Sport, nicht nur in fremden Ländern. Sie passiert auch hier, mitten unter uns. Nicht nur im Hochleistungssport, sondern ebenso im Freizeitbereich. Noch immer werden Pferde in extremer Rollkur geritten, mit Sporen malträtiert, zu unnatürlichen Bewegungen gezwungen – auch von Freizeitreitern, die es vermeintlich besser wissen sollten. Misshandlung beginnt nicht erst bei blutigen Sporen oder aufgerissenen Augen. Sie beginnt oft im Kleinen, unspektakulär und unbemerkt.
Deshalb frage ich: Ab wann sprichst DU von Misshandlung am Pferd?
• Wenn die Zunge blau wird?
• Wenn blutige Sporen Spuren hinterlassen?
• Wenn das Pferd panisch die Augen aufreißt?
• Wenn ein Fluchttier unangemessen lange in einer engen Box steht? (Was ist hier angemessen?)
• Wenn der Reiter zu schwer ist? (Wo liegt die Grenze?)
• Wenn das Pferd nicht über die nötige Tragemuskulatur für eine Alpenüberquerung verfügt, aber trotzdem mitmuss, weil die Reise bereits bezahlt wurde?
Es ist wichtig, diese Fragen ehrlich zu betrachten und Misshandlung nicht nur an ihren offensichtlichsten Zeichen zu erkennen. Denn Misshandlung geschieht nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Wann beginnt sie wirklich? Sind wir bereit, so tief zu gehen, dass wir uns dabei an die eigene Nase fassen müssen?
Ein Sprichwort sagt: „Wenn du mit einem Finger auf andere deutest, zeigen drei Finger auf dich.“
Wie oft passiert Misshandlung, ohne dass wir es bemerken? Weil niemand uns das Bewusstsein dafür vermittelt hat? Weil es in keiner Richtlinie steht, dass Pferde auch psychischen Schaden nehmen können? (Und welche Richtlinien gibt es überhaupt? Wer schreibt sie?) Aber kann es dann dennoch Misshandlung sein, wenn es nicht absichtlich geschieht? Ja – denn Unwissenheit schützt nicht vor Schuld.
In meinen Kursen stelle ich immer wieder dieselbe Frage, um ein Bewusstsein zu schaffen: Wo beginnt Misshandlung?
Für mich beginnt sie dort, wo ich ein Pferd geistig verwirrt zurücklasse.
Was heißt das konkret?
Ein Pferd ist dann geistig verwirrt, wenn es in einer Trainingseinheit nicht verstehen konnte, was von ihm verlangt wurde. Jedes Mal, wenn wir mit einem Pferd umgehen, ist das Training – bewusst oder unbewusst. Pferde lernen von unserem Verhalten. Deshalb müssen wir stets achtsam sein.
Ein Beispiel: Ich arbeite mit meinem Pferd an etwas Neuem und denke: „Es braucht eben ein paar Tage, um es zu verstehen.“ In der Zwischenzeit ist das Pferd jedoch völlig ratlos. Manche Pferde bemühen sich, stellen Fragen, andere schalten ab, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es ohnehin sinnlos ist.
Am Ende der Einheit bringe ich es zurück in den Auslauf. Was bleibt, ist Verwirrung. Das Pferd weiß nicht, was es getan hat oder tun soll. Seine Motivation sinkt, die Unsicherheit steigt, manchmal auch Frustration. Und hier beginnt bereits Misshandlung!
Misshandlung beginnt, wenn wir das Pferd mit ungelösten Rätseln zurücklassen.
Wir neigen dazu, von „Übungen“ zu sprechen, die über Wochen geübt werden müssen. Doch ein Pferd benötigt keine Übung, sondern Klarheit. Jede Interaktion sollte ein Dialog sein, keine Aneinanderreihung von Wiederholungen ohne Verständnis.
Stell dir vor, dein Chef gibt dir eine Aufgabe, von der die Zukunft der Firma abhängt. Er erklärt dir aber nicht, worum es geht. Er erwartet, dass du es einfach verstehst. Wie würdest du dich fühlen?
Ein Pferd, das nach dem Training immer wieder verwirrt ist, leidet. Und es muss nicht einmal blutige Sporen oder blaue Zungen geben. Manchmal sind es leere, ausdruckslose Augen, die verraten, dass der Schmerz tief in der Seele sitzt.
Wir müssen nicht weit blicken, um Misshandlung zu erkennen.
Also frage ich dich erneut: Ab wann sprichst DU von Misshandlung am Pferd?
Im Sinne des Pferdes – für ihre Würde, ihr Wohl und eine Zukunft ohne Leid. Sie haben keine Stimme, also sei du ihre! 🐴❤️

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