Innen oder außen?
Die Diskussion über die Bedeutung der Zügel
"Wenn du vor deinem Pferd stehst, dann gib ihm ein Gefühl ins Seil, dem es folgen kann – erst mit seinen Gedanken, dann mit seinen Beinen. Und denke daran: Ein Gedanke wiegt nichts!"
Dieser Satz kommt sehr oft in meinem Unterricht vor. Häufig stellt sich dann die Frage: "Wie übertrage ich diese Art der Kommunikation in den Sattel, wenn meine Körpersprache nicht mehr direkt
sichtbar ist?"
Das Grundprinzip, dem Pferd ein Gefühl zu vermitteln, dem es folgen kann, bleibt unverändert –
unabhängig davon, ob wir es vom Boden aus führen oder im Sattel sitzen. Je besser ein Pferd lernt, einem feinen Impuls im Seil zu folgen, desto durchlässiger kann es in der Bewegung agieren.
Meine Schülerin Lisa, die aus der englischen Reitweise stammt, hatte bereits einige Unsicherheiten. Besonders im Hinblick auf die Bedeutung der Zügelhilfen tauchten Fragen auf, die uns zu einem
zentralen Aspekt der Hilfengebung führten. Reiterhilfen müssen nicht kompliziert sein – auch wenn sie oft verwirrend gelehrt werden.
Um die Komplexität zu verdeutlichen, betrachten wir eine konventionelle Beschreibung der Hilfengebung in einer Volte:
"In der Volte biegt der Reiter das Pferd um den inneren Schenkel, wobei der äußere Zügel die Stellung nach innen zulässt. Das bedeutet, dass der äußere Zügel einen Hauch mehr Raum gibt, aber
gleichzeitig verhindert, dass das Pferd über die äußere Schulter wegdriftet. Der äußere Schenkel liegt verwahrend. Eine gelungene Kombination aus biegend-treibender innerer und begrenzender
äußerer Zügel- und Schenkelhilfe führt zu einer korrekten Volte. Eine Volte wird unrund, wenn eine dieser Hilfen fehlt."
Und jetzt mal aus Pferdesicht:
- Innerer Schenkel ist angelegt.
- Äußerer Zügel ist in Kontakt, zwar etwas weniger als sonst, aber immer noch Kontakt.
- Äußerer Schenkel ist auch angelegt.
- Das einzige was nicht erwähnt wird ist der innere Zügel, wobei dies doch die einfachste Art wäre das Pferd zu bitten in die gewünschte Richtung zu denken und zu gehen!
Diese Beschreibung ist weit verbreitet, führt jedoch dazu, dass Pferde in eine Form gepresst werden, ohne selbstständig eine korrekte Biegung zu entwickeln und ihre Balance zu finden. Ihr Körper
wird durch äußere Hilfen geformt, aber ihre Denkprozesse bleiben unberücksichtigt.
Die Rolle des inneren Zügels
Ein zentrales Element der Ausbildung ist es, dem Pferd beizubringen, auf den inneren Zügel zu reagieren. Diese Fähigkeit stellt die Verbindung zwischen der Bodenarbeit und dem Reiten her. Ist ein
Pferd nicht in der Lage, auf den inneren Zügel korrekt zu reagieren, zeigt es dies durch eine nach außen driftende oder nach innen kippende Schulter.
Oft wird versucht, diese Problematik durch den äußeren Zügel zu korrigieren, indem die äußere Schulter begrenzt wird. Dies entspricht jedoch der Behandlung eines Symptoms, nicht der Ursache. Der
äußere Zügel kann das Pferd nicht dazu bringen, nach innen zu denken – im Gegenteil, er verstärkt das Denken nach außen, da das Pferd dem Impuls entgegenwirkt.
Gedanken steuern die Bewegung
Die Basis einer korrekten Biegung ist das gedankliche Fokussieren des Pferdes in die gewünschte Richtung. Ein Pferd bewegt sich dorthin, wo es hindenkt und somit hinschaut. Wenn ich also mit dem
linken Zügel sanft frage, ob es nach links denken kann, und das Pferd daraufhin nachgibt dem Gefühl folgt und dorthin denkt, ist der erste Schritt getan. Wenn ich dann erneut mit dem linken Zügel
frage, ob es seinen Gedanken folgen und nach links gehen kann, ergibt sich eine harmonische Bewegung. Dies ist die Grundlage für eine durchlässige Biegung.
Umgekehrt: Frage ich das Pferd mit dem rechten Zügel, ob es nach links gehen kann, bleibt sein Fokus auf dem rechten Zügel – also nach rechts. Eine Bewegung nach links wäre dann gegen seinen
natürlichen Fokus, wodurch die Biegung und Bewegung unharmonisch werden.
Schlussfolgerung
In der Praxis bedeutet dies: Wenn ich mein Pferd mit dem linken Zügel vorschlage, nach links zu gehen, gebe ich ihm eine sanfte, verständliche Führung. Fordere ich es jedoch mit dem rechten Zügel
auf, nach links zu gehen, entsteht ein Widerspruch in der Wahrnehmung des Pferdes. Dieser Unterschied ist für das Verständnis des Pferdes essenziell.
Reiter, die dem äußeren Zügel eine dominante Bedeutung in der Biegung zuschreiben, sollten hinterfragen, warum ihr Pferd nicht in die gewünschte Richtung denken kann, wenn man ihm lediglich ein
sanftes Gefühl am inneren Zügel gibt.
In diesem Sinne und immer im Sinne des Pferdes
Simone Carlson
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