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Durchlässigkeit beginnt im Kopf

Durchlässigkeit beginnt im Kopf

Ich war im Allgäu unterwegs, bei einer meiner Schülerinnen, die eine imposante Stute besaß. Sie war eine faszinierende Mischung aus PRE und Percheron, bekannt als Spanish Norman. Ihre Masse hatte sie eindeutig vom Percheron geerbt. Trotz ihres massiven Auftretens war sie oft besorgt, ihr Denkvermögen wirkte verzögert, und sie schien schwerfällig in der Zusammenarbeit. Es war, als liefe sie in einem Trott, ohne mehr zu geben als das Nötigste. Müde Augen, müde Gangart – ein Koloss ohne viel Go. Gleichzeitig trug sie ein erhebliches Maß an Unsicherheit in sich, scheute oft und konnte ihre 800 kg dann schlagartig in Bewegung setzen, kaum zu stoppen.

Und doch machte es mir großen Spaß, mit ihr zu arbeiten. Gerade weil sie so besorgt war, konnte man sie leicht für sich gewinnen – ihre Aufmerksamkeit war schnell da, weil sie mich im Blick behalten musste. Durch klare Erwartungen und viel Abwechslung verwandelte sich die träge Percheron-Dame in eine leichtfüßige PRE-Erscheinung.

Es war eine Freude, ihr neue Lektionen abzufragen, die sie zuvor nie gelernt hatte, aber mit Eleganz und Leichtigkeit umsetzte. Bereits nach wenigen Minuten Arbeit war sie wach und präsent. Besonders gerne arbeitete ich mit ihr am Seil, führte sie auf gebogenen und geraden Linien, in Schritt-Trab-Wechseln, mit Richtungswechseln, mal mit der Hinterhand leicht herausgestellt, mal mit der Vorhand. Es ist kaum vorstellbar, wie eine solche Masse mit so viel Leichtigkeit laufen kann.

Mitten in diesem ausdrucksstarken Tanz wurde ich fast übermütig und fragte sie, ob sie aus dem Richtungswechsel mit mehr Gewicht auf der Hinterhand angaloppieren könnte. Und was soll ich sagen? Sie setzte es ohne Zögern, aber auch ohne Hast um, floss geschmeidig in die Galoppade – und dann passierte es. Ich kann nicht mehr sagen, ob sie es von sich aus anbot oder ob ich gefragt hatte. Es war, als hätten wir denselben Gedanken: Wir gingen Seitwärtsschritte aus dem Galopp. Wir waren beide überrascht, wie einfach es war – dass es möglich war!

Dankbar, mit einem solchen Pferd arbeiten zu dürfen, beendeten wir kurze Zeit später die Einheit. Die Besitzerin war sprachlos. Sie wurde Zeugin dieses Zaubers und konnte kaum fassen, wie ihr massiges Pferd plötzlich grazil über den Platz schwebte und Bewegungen vollführte, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Wie war das möglich?

Es liegt an der Durchlässigkeit!

Durchlässigkeit beginnt im Kopf. Wenn ein Pferd mental absolut durchlässig ist – frei von Widerstand, Angst und ablenkenden Gedanken – dann fließen meine Fragen einfach durch es hindurch, und ein wunderschöner Tanz entsteht. Liegt der primäre Fokus auf dem Dialog mit mir, steht nichts zwischen uns. Dann ist jede Bewegung korrekt, weil sie im Kopf beginnt. Ein durchlässiger Kopf ermöglicht es, jede Bewegung abzufragen: Der Rücken bleibt locker und schwingt, die Beine sind leicht und fleißig, das Pferd ist fein in der Hand, denn ein Gedanke wiegt nichts.

Wie erreiche ich Durchlässigkeit?

Ein wesentlicher Faktor ist Vertrauen. Ein Pferd, das mir vertraut, kann sich meinen Vorschlägen hingeben und meine Hilfen annehmen. Ist es auf der Hut, bleibt eine Restspannung, die wahre Durchlässigkeit verhindert.

Ebenso wichtig ist Klarheit. Je klarer meine Hilfen sind – getragen von der richtigen inneren Haltung – desto besser versteht das Pferd, was ich möchte, und kann es umsetzen. Meinen Schülern erkläre ich es oft so: Ich habe die Bewegung bereits in mir, bevor ich sie ans Pferd transportiere.

Motivation spielt eine große Rolle. Schaffe ich es, dem gemeinsamen Dialog und Tanz eine Bedeutung zu geben, sieht das Pferd einen Sinn darin und bringt sich voll ein.

Abwechslung ist ein weiterer Schlüssel. Sie hält das Interesse wach und das Gespräch lebendig. Ein Pferd schaltet schnell ab, wenn aus dem Dialog eine mechanische Abfolge wird. Bewegungen verlieren dann ihren Schwung und ihre Lebendigkeit.

Und ja, es braucht meine innere Haltung, meine Präsenz und gutes Timing. Zu wissen, wann ich nachgebe und wann ich dranbleibe, kommt mit Erfahrung, aber auch mit geschultem Bewusstsein. Das kann jeder lernen. Und sollte jeder lernen, der mit Pferden arbeitet.

Kreativität ist entscheidend, um den Dialog interessant zu halten und nicht in Gewohnheiten zu verfallen.

Durchlässigkeit ist die Abwesenheit von Spannung, Widerstand und "Nein-Gedanken". Sie macht alles weich, leicht und voller Harmonie. Es ist wie ein gemeinsames Einatmen, ein Sich-fallen-lassen in den Moment. Wer es einmal erlebt hat, spürt eine Verbindung, die tiefer geht als Worte – eine Magie, die süchtig macht. Es ist die respektvollste, innigste und wertschätzendste Art, mit Pferden zu sein.

Ich wünsche allen, dies immer und immer wieder mit ihrem Pferd erleben zu dürfen – diesen Zauber, diese Einheit, dieses pure Glücksgefühl!

In diesem Sinne und immer im Sinne des Pferdes, Simone Carlson

 

 

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