Hilfe mein Pferd beißt!
Ich weiß gar nicht wie oft ich das betonen kann, denn Menschen glauben, dass unleidliches Verhalten wie beißen, scharren, unkontrolliertes loslaufen eine Charaktereigenschaft ist. Ist es
nicht! Es ist eine Antwort auf eine vielleicht unbewusst gestellte Frage! Es ist eine Reaktion auf eine Aktion von uns. Es ist eine Botschaft, die auf den psychischen Zustand des Pferdes
hinweist!
Ich möchte es anhand einer Geschichte erklären.
Wenn ich um Hilfe gebeten werde, beim Kauf eines Sattels zu beraten und unterstützen, dann fällt es mir erstmal schwer, andere Dinge anzusprechen, die mir auffallen. Ich stelle mir die Frage,
bin ich hier als Trainer, oder bin ich hier als Sattelberaterin, oder vielleicht doch beides?
Egal ob ich meine Beobachtungen dann Preis gebe, oder nicht, ich kann es nicht verhindern Dinge wahrzunehmen:
Das Pferd wurde auf den Platz geführt, stand ruhig beim auflegen verschiedenster Sättel, beim führen auf dem Platz mit Reiter zeigte es allerdings ein sehr unzufriedenes Verhalten. Der
Wallach legte die Ohren an, deutete sogar an zu schnappen. Nun kann ich versichern, dass es nicht an schlechter Sattelpassform lag, denn die Sättel lagen gut, der Schritt war raumgreifend und
das schnappen hörte nicht auf, als wir mit den Sätteln fertig waren. Das Pferd zeigte mit diesem Verhalten seine Unzufriedenheit.
Beim nächsten Besuch schnappte er bereits in der Box, drängte nach vorne, Abwehren war kaum möglich, rückwärts richten schon gar nicht. Auf dem Weg zum Reitplatz hing die Besitzerin mehr oder
weniger am Führseil, der Wallach drängte vorneweg– ein Zeichen, dass seine Gedanken seinem Körper weit voraus waren.
Solche Verhaltensweisen werden oft nicht wahrgenommen oder falsch interpretiert. Statt Ursachenforschung heißt es dann: "Er ist nicht ausgelastet." oder "Er ist jung und ungeduldig." Oder
noch problematischer: "Wir arbeiten daran, dass er nicht mehr schnappt, indem wir ihn stark maßregeln wenn er es dennoch tut."
Ist Maßregeln/strafen die Lösung?
Maßregeln bekämpft nur das Symptom und meist verschlimmert es die Ursache nämlich– das Unwohlsein des Pferdes. Warum hat das Pferd überhaupt das Bedürfnis zu beißen? Schnappen, Kopfwerfen,
Hufe scharren – alles Zeichen von Unwohlsein, meist durch den Menschen verursacht. Ein Pferd, das durch gutes Handling und Training in sich ruht, ist durchlässig was meine Hilfen angeht, ganz
gleich ob es zwei Tage in der Box steht oder nicht.
Harte Maßregelungen wie Zuschlagen oder ruckartiges Rückwärtsrichten führen eher zu Vertrauensverlust. Noch sinnloser ist das bloße Wedeln mit dem Arm, wodurch das Pferd nur kurz ausweicht,
aber erneut zuschnappt. Dies ist eher ein Verhalten das man bei Pferden untereinander beobachten kann, wenn sie spielen. Also nicht unbedingt effektiv, wenn wir wollen dass es aufhört.
Ein zufriedenes Pferd beißt nicht
Ungewünschtes Verhalten entsteht oft aus Frustration – wenn Pferde mechanisch trainiert werden, ohne ihre Gedanken einzubeziehen. Bevor es zum Beißen kommt, passieren viele kleine Dinge, die
oft nicht erkannt werden. Hier müssen wir ansetzen! Unsere Herangehensweise verändern, damit das Pferd sich im Umgang mit uns wohl fühlt. Dann gibt es keinen Grund für Unwohlsein.
Das heißt nicht, dass wir uns beißen lassen sollen. Aber wir müssen erkennen, dass unser Verhalten oft der Auslöser war. Indem wir das Miteinander so gestalten, dass das Pferd uns vertraut
und unsere Anleitung versteht, nimmt das Beißbedürfnis ab. Und es ist doch immer sinnvoller, das Problem erst gar nicht entstehen zu lassen, als es lösen zu müssen.
Wo hat das alles angefangen?
Wie so viele Dinge beginnt auch das im Kleinen. Unklare Kommunikation, zu wenig Abwechslung und die Gedanken des Pferdes nicht einbeziehen, führt oft zu Frust, und dann zu Abwehrhandlung.
Drohgebärden oder schnappen wird nicht ernst genommen. In meinen Kursen höre ich dann oft, der schnappt nur in der Luft, der beißt nicht. Weit gefehlt! Und wenn dann der Biss das erste mal
kommt, ist man überrascht. Oft bestätigen wir unbewusst das Beißen: Ziehen wir aus Schreck zurück, erfährt das Pferd eine Entlastung und lernt: "Beißen hilft." Doch weder Zurückziehen noch
Zuschlagen ist die Lösung.
Hat sich das Beißen manifestiert, muss eine klare Grenze gesetzt werden – aber ohne Gewalt. Der Fokus muss auf Klarheit, Sicherheit und Abwechslung liegen. Monotone Übungen führen oft zu
Unzufriedenheit. Mehr Abstand, um das Pferd nicht in Versuchung zu bringen, kann helfen, bis es durch klare Führung zufriedener wird.
Es ist leichter, unerwünschtes Verhalten gar nicht erst entstehen zu lassen, als es später abzugewöhnen. Deshalb: Verantwortungsbewusst trainieren, das Pferd gedanklich mit einbeziehen und
für Wohlbefinden sorgen. Dann gibt es keinen Grund für Beißen, Scharren oder Drängeln!
Ein zufriedenes Pferd beißt nicht. Ein zufriedenes Pferd beamt sich nicht weg. Ein zufriedenes Pferd ist gerne hier!
Und für diejenigen die immer noch glauben, dass Pferde die schnappen nur schnappen und nicht beißen, lasst Euch gesagt sein:
Alles, was ein Pferd zeigt, ist eine klare Ansage! Es ist eine Reaktion auf eine von uns gestellte Aktion, eine Botschaft über den psychischen Zustand des Pferdes.
Nehmt die Nachricht an, sie ist an Euch gestellt!
In diesem Sinne und im Sinne des Pferdes.
Simone Carlson
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